FremdbetreuungZum allerersten Mal…

Immer wieder geschehen im Zusammen-leben mit Kindern Ereignisse zum allerersten Mal. Das Kind macht seinen ersten Schritt. Es lernt zu sprechen, sich selbst anzuziehen und seine ersten Wünsche zu äußern. Die Liste lässt sich unendlich lange fortsetzen und bestimmt fallen jedem beim Denken daran viele unterschiedliche Begebenheiten ein, die zum allerersten Mal stattgefunden haben. Oft bleiben diese allerersten Male viele Jahre in Erinnerung, werden mitunter als Geschichten weitererzählt und erhalten dadurch einen großen Stellenwert.

Rückblickend hat das Kind, wenn es zum allerersten Mal etwas versucht, seinen nächsten Entwicklungsschritt gemacht und damit die Möglichkeit erhalten, seine Kompetenzen auszubauen und den Handlungsspielraum für sich zu erweitern. Je mehr es sich entwickelt, umso mehr eröffnet sich die Umwelt für das Kind. Eltern und Bezugspersonen erleben, dass das Kind nach jedem allerersten Mal vielleicht mehr oder weniger Unterstützung braucht.

Diese allerersten Male erlebt die erste Bezugsperson – in den meisten Fällen die Mutter – viel direkter, da sie die erste Zeit intensiver mit dem Kind beschäftigt ist. So ist es meist nicht verwunderlich, dass Eltern und Bezugspersonen Entwicklungsschritte des Kindes für sich unterschiedlich erleben und einschätzen.

Oft erleben Eltern und Bezugspersonen es als großen Einschnitt in das Familienleben, das Kind zum allerersten Mal von einer fremden Person betreuen zu lassen. Meist fällt es viel schwerer als man denkt, das Kind, wenn auch nur für ein paar Stunden, in fremde Obhut zu geben. Doch irgendwann kommt dieser Tag zum allerersten Mal.

In diesem Fall sind auch die Großeltern, Jugendliche aus der Familie oder der Freundeskreis für das Baby oder Kleinkind erstmals „fremde“ Betreuungspersonen, während Mama und Papa nicht da sind – zumindest aus Sicht der Eltern. Da machen sich Eltern Sorgen, dass das Kind nicht gut versorgt sein könnte, eine Art von Nervosität breitet sich aus. Viele Überlegungen und Probleme tauchen beim Nachdenken auf und die Unsicherheit, ob das denn wirklich notwendig ist, drängt sich oft in den Vordergrund. Manche Eltern und Bezugspersonen versuchen diesen Moment so lange sie können hinauszuzögern. Auch eine ganz genaue Liste mit Anweisungen und viele Erklärungen für den Babysitter helfen meist nicht dabei, diese unangenehmen Gefühle zu bändigen. So kann es sein, dass die Bedenken sehr groß sind und von einer übermäßigen Alarmbereitschaft und Anspannung begleitet werden. Das Handy wird ständig im Auge behalten und die Zeit bis zum Wiedersehen erscheint unendlich lang.

Wird das Kind zum allerersten Mal in einer Kinderbetreuungseinrichtung fremdbetreut, sind die Gefühle der Eltern und Bezugspersonen demgegenüber vermutlich andere. Die Wahl der Kinderbetreuungseinrichtung, die bereits immer früher geschieht, wird nach den unterschiedlichsten Kriterien sehr genau getroffen. Eltern wollen eine bestimmte Einrichtung deswegen, weil sie ihnen das Gefühl gibt, dass es dort für ihr Kind gut passt, wenn sie als Eltern schon nicht für ihr Kind da sein können. Sie reden mit Freundinnen und Freunden, Bekannten und anderen Eltern, suchen im Internet nach Informationen zu den einzelnen Einrichtungen, schauen sich diese am Tag der offenen Tür an, um die für ihr Gefühl und für das Kind passende Betreuung zu finden. Wenn sie die „richtige“ Kinderbetreuungseinrichtung gefunden haben, dann macht sich meistens vorerst mal Erleichterung bei Eltern und Bezugspersonen breit.

Allerdings, wenn es dann zum allerersten Mal geschieht, dass Mama und Papa während oder nach der Eingewöhnungszeit ihr Kind dort abgeben, es zum allerersten Mal alleine bleibt, dann sind sie oftmals hin- und hergerissen zwischen Freude und Stolz sowie Unsicherheit und Sorge. Denn für viele Eltern und Bezugspersonen ist es nochmals etwas Anderes, das Kind in die Betreuung wirklich fremder Menschen zu geben und darauf zu vertrauen, dass es dort sehr gut aufgehoben ist, es gefördert und mit seinen Bedürfnissen gesehen wird.

Da braucht es viel inneren Mut von Eltern und Bezugspersonen, einen so großen -Vertrauensvorschuss aufzubringen. Jedes Kind ist anders. Bei manchen Kindern kann es vorkommen, dass sie nach einer gewissen Zeit in der Kinderbetreuungseinrichtung plötzlich beim Abgeben zu weinen beginnen. Hier braucht es viel Einfühlungsvermögen aller Beteiligten, um mit solchen Situationen im Sinne des Kindes gut umzugehen. Ist diese Hürde genommen und hat sich das Kind in seiner neuen Routine gut eingefunden, fällt es auch den Eltern und Bezugspersonen viel leichter, dass ihr Kind dort eine gewisse Zeit des Tages verbringt.

Andere Kinder haben weniger Schwierigkeiten damit, sich von den Bezugspersonen zu lösen und mit den anderen Kindern zu spielen. So kann es passieren, dass plötzlich der Mama die Tränen kommen, weil sie sich für ein paar Stunden von ihrem Kind trennen muss. Aber auch das legt sich meist, sobald sich die Mutter an die neue Situation gewöhnt und die Sicherheit hat, dass es dem Kind gutgeht.

Zum ersten Mal passieren im Zuge der Fremdbetreuung so viele Dinge, bei denen Kinder die Welt ohne ihre Eltern und engsten Bezugspersonen erleben und damit verändert sich das Familienleben wieder einmal ganz stark. Die Kinder sind im Kindergarten auf sich gestellt und dürfen ihr Umfeld ohne direkten Schutz der Eltern erforschen. Sie werden dadurch kompetenter im Umgang mit anderen und sich ihrer selbst sicherer. Erstmals macht das Kind die Erfahrung, dass Mama und Papa weggehen und es alleine bei fremden Menschen zurücklassen können. Gleichzeitig bekommt es dadurch viele Möglichkeiten eröffnet, sich eigenständig wahrzunehmen und für sich Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen.

Zum ersten Mal erfährt das Kind, dass es dort, wo es von den Eltern hingebracht wurde, andere Regeln gibt, andere Menschen und Dinge vorhanden sind und der Umgang mit diesen nicht direkt von den Eltern bestimmt werden kann. Es erlebt zum ersten Mal, dass die Bezugspersonen nach einer gewissen Zeit wiederkommen, an seinen Erlebnissen interessiert sind und danach fragen. Zum ersten Mal kann es von seinen neuen Erfahrungen erzählen.

Zum ersten Mal erleben die Eltern aber auch, dass das Kind anderen Einflüssen ausgesetzt ist. Dadurch beginnt es, sich in Richtungen zu entwickeln, in die es sich vermutlich durch die alleinige Prägung des Elternhauses nicht entwickelt hätte. Oft hört man dann Aussagen wie: „Seit sie im Kindergarten ist, spricht sie so oder macht das!“ oder „Das hat er aus der Kindergruppe mitgebracht!“ Der Einflussbereich der Eltern wird zum ersten Mal viel kleiner und das, was die Pädagogin/der Pädagoge sagt, wird für das Kind viel gewichtiger. Auch Freundschaften werden präsenter und das Kind erlebt, wohl auch zum ersten Mal bewusster, dass es Unterschiede zwischen Menschen gibt und es nicht immer von allen gemocht wird.

Zum ersten Mal wird also der Einfluss, den Eltern auf ihr Kind haben, geringer. Sie erleiden sozusagen einen Machtverlust dadurch, dass sie ihr Kind von anderen Menschen fremdbetreuen lassen. Die Welt des Kindes dreht sich ab diesem ersten Mal nicht mehr nur um Mama und Papa. Freunde werden zum ersten Mal von den Kindern und nicht nur von den Eltern ausgesucht. So entscheidet der Umgang, den die Fremdbetreuungseinrichtung den Kindern bietet, mit welchen Kindern sich das eigene Kind umgeben will. Zum ersten Mal wird den Eltern vielleicht bewusst, dass sie mit der Entscheidung für eine Einrichtung auch die Entscheidung für Freunde und den Umgang der Kinder mitgetroffen haben.

Vielen Eltern und Bezugspersonen wird auch klar, dass ab dem Zeitpunkt, in dem die Fremdbetreuung startet, sie es sind, die ihre Kinder einerseits langsam loslassen und andererseits noch viel mehr festhalten müssen, als sie es zuvorgetan haben. Loslassen, weil sie ihrem Kind trauen können, dass es zeigen und sagen wird, wenn es dort nicht für den Nachwuchs passend ist. Festhalten, weil mit der größeren Freiheit auch ein viel größeres Augenmerk darauf zu legen ist, wie es dem Kind geht, welche neuen Erfahrungen es macht, wo es Unterstützung braucht und wie Eltern und Bezugspersonen dem Kind helfen können, alles Neue in sich selbst aufnehmen und verarbeiten zu können.

Das ganze Leben lang wird es immer wieder ein erstes Mal geben. Später wird es der erste Schultag, die erste Schularbeit, die erste Übernachtung auswärts, die ersten Ferien ohne Eltern, die erste Liebe und auch der erste Liebeskummer, usw. sein. Jedes erste Mal ist für alle Beteiligten eine Herausforderung, die mit Vorfreude aber auch mit Ängsten und Sorgen verbunden ist. Es ist aber immer auch eine Lernerfahrung und meist wächst der Mensch daran.

Autorinnen: Dipl.- Päd. Andrea Leidlmayr, BEd & Mag. Christine Strableg