Wie bitte? Dein Kind spricht noch kein Mandarin?LEISTUNGSDRUCK BEGINNT PRÄNATAL

„Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger!“ Nun kann sie losgehen, diese spannende Zeit der Elternschaft. Die Zeit, guter Hoffnung zu sein. Doch was ist dieses „Prinzip Hoffnung“ in einer Welt noch wert, in der Hoffen keinen Platz mehr hat? In der alles durchgetaktet, geplant und rationalisiert ist? Eine Welt, in der alles perfekt funktionieren soll – auch wir Menschen. Längst hat der Optimierungswahn die Kinderstuben der Industrienationen erreicht, schlimmer noch – er macht auch vor den mütterlichen Bäuchen nicht Halt. Ein kleines Plädoyer für mehr Mut zur Lücke.

Die Olympischen Eltern-Spiele sind eröffnet

Das Phänomen, dass andere besser wissen, was richtig für eine Schwangere bzw. Mutter und deren Kind ist, gab es wohl schon immer. Auch vorhergehende Generationen wurden von den allwissenden Großmüttern belehrt. Auch die liebe „Freundin“, deren Kind immer alles besser und schneller als der eigene Nachwuchs beherrscht, ist nicht neu. Mit dem steigenden Bewusstsein für kindliche Entwicklung, Erziehung, Gesundheit und Prävention kam in den letzten Jahrzehnten jedoch ein neues Phänomen auf – nennen wir es doch das „Kind-Tuning“. Der Förderwahn, dem der nachvollziehbare Wunsch zu Grunde liegt, potentielle Talente und Neigungen des eigenen Kindes möglichst früh zu erkennen und zu stärken, ist gleichzeitig ein Überförderungswahn. Doch er betrifft nicht nur Kinder allein, auch die Eltern erleben sich mehr denn je in der Position, ihre Rolle nach jenen hohen Maßstäben erfüllen zu müssen, die gesellschaftlich auferlegt werden. Die Frage, die wir Eltern uns stellen sollten, ist: Wem dienen wir mit dem Wettbewerb eigentlich?

Unsere Kinder jedenfalls möchten einfach nur sein. Kind sein, spielen und die Welt erobern. Sind es im Grunde nicht wir selbst, die sich Druck auferlegen und sich matchen? Die rasante Social-Media-Welt mit ihren unzähligen Selbstdarstellungsmöglichkeiten ist ein weiterer Faktor, der den Stress von Eltern und Kind potenziert. Die Eltern von Amelie zeigen sich auf Facebook im Achtsamkeits-Seminar als das perfekte Paar, das alles für seine Kinder tut und schildern diese wunderbare Erfahrung in allen schillernden Facetten. Doch wo ist die Achtsamkeit für die kleine Amelie hin, während dies alles gepostet und den ganzen Tag über in Echtzeit kommentiert wird? Die Mama von Maxi stellt unter #littleeinstein auf Instagram Fotos seiner ersten selbst geschriebenen Worte online. Maxi ist drei Jahre alt. Süffisant fügt sie hinzu, dass aber jedes Kind im eigenen Tempo lernt und manche einfach schneller sind als andere… Sympathisch ist das nicht. Aber Realität der Olympischen Eltern-Spiele.

Heute ist man ExpertIn für alles

Natürlich ist es eine begrüßenswerte Entwicklung, dass Informationen heute leicht zugänglich sind, die Ergebnisse von Erziehungs- und Entwicklungsforschung von einer breiten Masse erschlossen werden können und sich viele Eltern kritisch mit der Frage auseinandersetzen, was für ihr Kind das Beste ist. Dennoch führt das Leiden unserer Zeit und Gesellschaft, alles miteinander vergleichen und messen zu müssen, dazu, dass sich im Dschungel der Möglichkeiten und Wege, ein Kind groß zu ziehen, eine immer größere Verunsicherung breit macht. Diese führt letztlich zu dem Problem, dass wir das Vertrauen verlieren. Einerseits jenes Vertrauen in die eigene Fähigkeit als Eltern richtig – im Sinne des Kindes und des eigenen Wohlbefindens – zu handeln und andererseits das Vertrauen in das eigene Kind.

Nichts ist vollkommener und perfekter als ein neues Leben. Kaum etwas wird in seiner Perfektion jedoch derart in Frage gestellt. Genau genommen beginnt der Leistungsdruck heute bereits pränatal. Schon Schwangerschaftstest A könnte besser, weil präziser, sein als Schwangerschaftstest B. Der lehrbuchmäßige normierte Wachstumsverlauf eines Fötus ist Maßstab für jedes neue Leben, das bereits so früh wie möglich pränatal vermessen und für „gut“, weil in der Norm liegend und „auffällig“, weil davon abweichend befunden wird. Wahrscheinlichkeiten für Erkrankungen, Behinderungen etc. werden errechnet, den werdenden Eltern die Fähigkeit zu vertrauen abgesprochen – es gibt Normen, auf die vertraut werden soll. Die Schwangere möge sich nach Ernährungsplänen ernähren, genug Bewegung machen, aber bloß nicht ihrem Körper zu viel abverlangen, ihren Bauch mit klassischer Musik beschallen, täglich Mandarin zu ihm sprechen und bloß keinen Fehler machen. Ach ja, das Wichtigste dabei ist aber, überhaupt die ganze Schwangerschaft entspannt und locker anzugehen. Alles andere könnte unter Umständen dem ungeborenen Leben in ihrem Bauch schaden. Doch wie entspannt bleiben, wenn alle Welt mitbestimmen will, was man eigentlich nur selbst am besten weiß – nämlich, was gut für einen und das ungeborene Kind ist? Und werdende Eltern müssen stark sein, denn ist das Kind erst auf der Welt, geht der ewige Vergleich und die vielen Tipps der Urstrumpftanten, besserwisserischen Freundinnen und Erziehungsratgebern weiter, sei es bei der Beurteilung der Schnelligkeit der Entwicklung, des Größenwachstums oder der Talente des Sprösslings.

Darf es noch die Schule um’s Eck sein? Alles ist möglich – doch was ist gut?

Der Bildungsweg wird heute auch keinem Zufall mehr überlassen. Kindergarten- und Schulwahl werden zumeist nach strengsten Auswahlkriterien getroffen, die vielen Optionen in diversen Elternforen diskutiert und selektiert. Um in die vermeintlich beste Bildungsinstitution zu kommen, sollte das Kind selbstverständlich pränatal angemeldet werden. Und bis es soweit ist, ist der Terminkalender des Kleinkindes bereits gut bestückt, um im Schulalter so manches Mal voller zu sein, als der jedes Top-Managers. Freizeitstress pur – nach dem täglichen Schulstress wohlgemerkt.

Diverse soziologische Studien sehen in der Vielfalt der Wege und Möglichkeiten, die in einer modernen Gesellschaft bereitstehen, die Gefahr der Überforderung. Es wird immer schwerer sich zu fokussieren, den vermeintlich „richtigen“ Weg zu finden, wenn doch so viele Wege existieren und kein Lebensweg mehr von der Vorgängergeneration vorgegeben ist. Um möglichst früh eine gute Basis für ihre Schützlinge zu schaffen, sind Eltern immer wieder auf der Suche nach Fördermöglichkeiten, die ihre Kinder im Dschungel der unbegrenzten Möglichkeiten die besten Startbedingungen bieten sollen. Dies führt dazu, dass sich Eltern zunehmend schuldig fühlen und schnell das Gefühl bekommen, nicht genug getan zu haben für ihr Kind. Darf man eigentlich noch laut sagen, dass man den Babyschwimmkurs einfach ausgelassen hat? Dass der Einjährige noch keine Babyzeichensprache beherrscht und man die englischsprachige Spielgruppe für Dreijährige als nicht notwendig erachtet? JA! Entspannt euch, liebe Eltern! Nichts, aber auch gar nichts, spricht dagegen, wenn ein Kind einfach mal ist.

Bricht man herunter, was ein Kind für eine optimale Entwicklung grundsätzlich braucht, ist das vor allem eine wohlwollende und vertrauensvolle Beziehung zu mindestens einer Person. Eine, die es annimmt, wie es ist, es bei der Entdeckung dieser neuen spannenden Umgebung, in die der kleine Mensch da hineingeboren wurde, unterstützt. Dieser Prozess ist auch im „fortgeschrittenen“ Alter des Kindergarten- und Schulkindes enorm wichtig. Das Kind möchte sich die Welt erschließen, zugleich aber die geliebte Bezugsperson an den großen und kleinen Erfolgen teilhaben lassen. Für ein Kind besteht die Welt aus anderen Prioritäten als für uns Erwachsene. Ein Kind weiß selbst, was es gerade für seine geistige Entwicklung braucht. Dass dies häufig nicht mit jenen Erwartungen konform läuft, die eine moderne Gesellschaft an uns stellt, mag stimmen. Es soll aber nicht bedeuten, dass es keine große Leistung ist, wenn der kleine Max lieber stundenlang mit einem Metalllöffel auf der Tischplatte musiziert als auf der Geige.

Soll Kindern also nun gar keine Förderung zukommen? Nein, der Weg zur Entspannung für Eltern und Kind liegt wie so oft in der Mitte von zu viel und zu wenig. Zudem sollten wir Eltern lernen, die kleinen Schritte unserer Kinder zu erkennen und wertzuschätzen, sie nicht mit Biegen und Brechen in bestimmte Richtungen zu weisen und respektieren, dass ein Kind seinen eigenen Weg schon finden wird. Ein Erfolg sieht für ein Kind nur eben anders aus als für uns Erwachsene. Angebote zu setzen, auf die das Kind zurückgreifen kann, ist wichtig – dennoch gilt es, Signale des Kindes zu deuten, mit denen es uns sagt, dass es nun einfach lieber mit Mama und Papa einem kleinen Schmetterling beim Fliegen zusehen möchte, als zum Capoeira zu gehen.

Kreativität durch Langeweile

Betrachtet man die Erkenntnisse der Bildungs- und Entwicklungsforschung, wird deutlich, dass wir mehr denn je Langeweile zulassen sollen. Kinder erhalten heute schon oft gar nicht mehr die Möglichkeit, Eigenes zu entwickeln, kritisiert unter anderem Gerhard Hüther. Der renommierte Pädagoge gibt zu bedenken, dass Kinder, deren Freizeitgestaltung vor allem aus einem Hetzen von einem Kurs zum nächsten besteht, nie die Erfahrung machen, sich selbst zu beschäftigen. Schlimmer noch: Sie werden zu KonsumentInnen vorgegebener Inhalte. Ein Kind zu unterrichten, im klassischen Sinne eines einseitigen Belehrens, raubt dem Kind die Möglichkeit, etwas zu lernen, das es gerade interessieren würde. Und ja, vielleicht ist es einfach gerade die Entdeckung der Blubberblasen im Orangensaft, die sich verändern, je nachdem wie stark in den Strohhalm gepustet wird. Vielleicht ist es die Erfahrung, mit der Hand stundenlang im Sand zu wühlen, ihn zu schütten, seine Flugfähigkeit zu testen oder ihn gar einmal zu kosten. Wie ist es eigentlich in so eine Regenpfütze zu springen? Macht es einen Unterschied, ob ich Anlauf nehme oder mit einem kleinen zarten Schritt hineintrete? Haben Kinder, vor allem im städtischen Raum, heute noch oft die Möglichkeit einfach mit einem Haufen Ästen zu experimentieren, zu bauen und in eine eigene kleine Welt der Entdeckung abzutauchen? Auch dafür werden Gruppen, Kurse, Adventure-Wochenenden geschaffen –„nature experience groups“ für das urbane Kind.

Was fehlt, ist allzu häufig die enge Bezugsperson, mit der ein Erlebnis erst zu einem richtigen Lernen werden kann, denn Lernen passiert in Beziehung. Schon lange ist bekannt, dass vor allem Dinge memoriert werden, die eine Bedeutung für uns haben, im Idealfall eine positive und motivierende. Nun eignet sich ein Kind vor allem jene Dinge in seiner Umgebung an, die es brauchen kann und die von erwachsenen Vorbildern als erstrebenswert vorgelebt werden. Die Frage, die sich nun jeder von uns Eltern stellen sollte, ist, ob das eigene Kind die Relevanz eines Lerninhaltes sieht, wenn es doch nichts mit der eigenen Lebensrealität zu tun hat. Einfach auf den Punkt gebracht: Warum soll ich etwas lernen, das ich im echten Leben eigentlich nicht brauchen kann oder das sonst niemand in meiner Umgebung anwendet? Eine Sprache wird umso schneller gelernt, je mehr die Umwelt, speziell die Familie und enge Bezugspersonen, diese auch gebrauchen. Daher muss es keinen wundern, wenn der teuer bezahlte Spanischkurs der kleinen Julia keine dauerhaften Früchte tragen wird, wenn diese Inhalte sonst keine Bedeutung für die Lebenswelt des Kindes haben.

Zuletzt sei noch zu erwähnen, dass ein Kind vor allem für sich lernen soll, um Spaß am Lernen zu haben. Kinder speichern in Windeseile ab, was ihren Bezugspersonen eine Freude bereitet und merken bald, womit sie anderen „einen Gefallen tun“. Dementsprechend mag das besonders angepasste Kind gerne etwas lernen, das den Eltern Stolz und Freude ins Gesicht zaubert – ein persönliches Wachsen auf psychischer Ebene findet so aber nicht statt. Man kann nicht FÜR jemand anderen lernen. Lernen – und das ist übrigens auch für uns Erwachsene stets so – passiert am nachhaltigsten über das Trial and Error-Prinzip: Wir versuchen, wir scheitern und legen einen neuen Plan zurecht. Die Erfahrung des Scheiterns regt uns an, neue Wege zu finden. Dafür müssen wir aber interessiert genug an einer Sache sein, um uns immer wieder der Herausforderung zu stellen. Erhält ein Kind nie die Möglichkeit, selbst etwas zu entdecken oder auszuprobieren, was es wirklich interessiert, weiß es vielleicht eines Tages, was Mama und Papa besonders Freude bereitet, aber nicht, was es eigentlich selbst möchte bzw. was es selbst als Individuum ausmacht.

Autorin: Tanja Vujadinovic